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Der Semmelweis-Effekt – oder: Warum werden Fakten ignoriert?

Der Semmelweis-Effekt – und warum Fakten ignoriert werden… Liebe Blogleserinnen und Blogleser, bestimmt haben Sie schon einmal den Namen Ignaz Semmelweis gehört? Von dem Mann und Arzt, der als der „Retter der Mütter“ bezeichnet wurde? Ignaz Semmelweis hat seinerzeit die Ursache dafür festgestellt, warum so viele Mütter im Kindbett gestorben sind: Nämlich aufgrund mangelnder Handhygiene seiner Kollegen. Diese verarzteten erst Verwundete oder obduzierten Verstorbene, anschließend leisteten sie „nahtlos“ Geburtshilfe, ohne sich zuvor die Hände zu reinigen. Semmelweis erkannte hier einen Zusammenhang und mahnte dringlich eine entsprechende Hygiene an! Doch anstatt Unterstützung und Dank zu ernten, wurde er von seinen Kollegen gehasst, gemobbt und ausgegrenzt. Tragischerweise erlitt er über die Ignoranz der damaligen Mediziner einen Nervenzusammenbruch und starb geistig umnachtet in einer Nervenheilanstalt, was man durchaus nachvollziehen kann! Besonders, wenn logische Tatsachen auf der Hand liegen und dennoch abgestritten und geleugnet werden!

Ignaz Semmelweis als „Vater der Hygiene“ ist es, dem heute Millionen Menschen Ihr Leben verdanken. Beschäftigen wir uns im Blog ein wenig näher mit ihm, bzw. mit dem nach ihm benannten Effekt, dem „Semmelweis-Effekt“ – und warum Fakten geleugnet werden.

Jede vierte Frau starb während oder kurz nach der Geburt ihres Babys

Mitte des 18. Jahrhunderts starben in Wien jährlich ca. 2000 Frauen am sogenannten Wochenbettfieber – einer Sepsis, bei der Krankheitskeime über die Gebärmutter in den Körper gelangen. Semmelweis war damals Ende 20 und arbeitete als Assistenzarzt in der Geburtenabteilung des Wiener Kaiser Josef II. Spitals.

Millionen Frauen in Europa fielen dem Kindbettfieber zum Opfer. Ein Kind zu bekommen, stellte zu der Zeit ein immenses, sogar lebensgefährliches Risiko dar! Im Schnitt verlor mehr als jede vierte Frau bei der Geburt ihres Kindes ihr Leben, auch auf der Station, in der Semmelweis tätig war. Dort arbeiteten neben ihm noch andere Ärzte sowie Medizinstudenten.

Doch auf der Nachbarstation, wo ausschließlich Hebammenschülerinnen ausgebildet wurden, starben weitaus weniger Frauen bei der Geburt, was den jungen Semmelweis nachdenklich stimmte. Fortan untersuchte er kurz vor der Geburt stehende Mütter intensiver, was jedoch zur Folge hatte, dass noch mehr Mütter starben. Semmelweis Station hatte bald einen so schlechten Ruf, dass Mütter sich fortan weigerten, hier ihr Kind auf die Welt zu bringen!

Schwere Selbstvorwürfe

Für den jungen Semmelweis war das eine schiere Katastrophe, er verzweifelte völlig und machte sich selbst schwere Vorwürfe. Als Mediziner wollte er eigentlich seinen Patientinnen helfen und erwirkte doch offenbar das Gegenteil… Als dann auch noch einige Zeit später sein Kollege und Freund, der Gerichtsmediziner mit Namen Jakob Kolletschka, während einer Sezierung mit einem verunreinigten Skalpell verletzt wurde und bald darauf verstarb, zog Semmelweis Parallelen zu den tragischen Todesfällen auf der Wochenbettstation. Bald darauf fand er schließlich die Lösung!

Medizinstudenten wie Ärzte auf seiner Station untersuchten die verstorbenen Mütter und kümmerten sich anschließend um die lebenden, gebärenden Mütter – im Wechsel, und ohne sich die Hände zu reinigen… Händehygiene war zu dieser Zeit noch nicht üblich, es existierte noch keine Erkenntnis darüber, dass auf diese Art und Weise Millionen von Keimen und Bakterien übertragen wurden! Die Hebammenschülerinnen der Nachbarstation kamen nicht mit Verstorbenen in Berührung, dementsprechend lag bei ihnen die Rate der infizierten jungen Mütter weitaus niedriger!

Bahnbrechende Erkenntnis

Semmelweis erkannte dies und wusch sich als logische Schlussfolgerung künftig nach jeder Autopsie seine Hände, und zwar mit einer Lösung aus Zitronensäure und Chlor. Auch die Instrumente für die Untersuchungen reinigte und desinfizierte er mit dieser Mischung. Seinen Studenten gab er die Order, dies ebenfalls zu tun – mit dem hochinteressanten Ergebnis, dass die Sterberate von über dreißig auf nur drei Prozent sank!

Zwar gab es noch einmal einen traurigen Rückschlag, nämlich dass auf seiner Station mit einem Mal gleich zwölf Mütter am Wochenbettfieber verstarben! Dennoch ließ Semmelweis sich nicht entmutigen und folgte weiterhin seinem klaren Hygieneprinzip. Er forschte und fand zudem heraus, dass die Gefahr einer Ansteckung nicht nur von den Verstorbenen ausging, sondern auch von allen weiteren Menschen, die auf der Station arbeiteten!

Semmelweis desinfizierte sich daraufhin grundsätzlich vor jeder Behandlung und Untersuchung von Müttern seine Hände – und reinigte seine Instrumente ebenso häufig! Das Resultat: Zwei Jahre nach seiner Anstellung im Spital fiel die Zahl der Kindbettfieber-Todesfälle auf nur noch 1,3 Prozent. Eine Sensation!

Wer jedoch nun glaubt, dass Semmelweis von seinen Kollegen dafür gefeiert oder gar geehrt wurde, der irrt sich …

Semmelweis hat unzählige Leben gerettet

Erwiesenermaßen! Doch dann passierte etwas, was man eigentlich weder nachvollziehen noch verstehen kann. Seine Kollegen verrissen seine Ergebnisse; sie kritisierten und mobbten ihn, beschimpften seine Schlussfolgerungen als „spekulativen Unfug“. Viele waren der Ansicht, dass Hygiene nur reine „Zeitverschwendung“ sei…

Obwohl die Fakten klipp und klar auf der Hand lagen und an Logik nicht entbehrten – seine Kollegen griffen ihn öffentlich an! Sie wollten nicht einsehen, dass sie als Ärzte es waren, die tödliche Infektionen verbreiteten!

Einige der wenigen Kollegen, die ihm glaubten, konnten mit ihrer Schuld nicht leben und begingen Suizid. Für Semmelweis eine weitere Katastrophe! Sein Arbeitsvertrag lief aus und wurde nicht verlängert, was einer Schande gleichkam. Im März 1849 wurde Semmelweis quasi arbeitslos und kehrte nach Ungarn zurück. Er fand wieder Arbeit in einem Krankenhaus und senkte auch dort durch seine Hygienemaßnahmen die Sterblichkeitsrate seiner Patienten auf 0,8 Prozent! In Wien jedoch stieg sie wieder auf ca. 15 Prozent an!

Und was ist nun der Semmelweis-Effekt?

Die Story des jungen, cleveren Arztes ist eine einzige traurige Tragödie. Die Anerkennung, welche ihm eigentlich schon zu Lebzeiten zugestanden hat, erfuhr er leider nie!

Was an dieser wahren Geschichte beeindruckend ist: Trotz seiner hervorragenden Forschungsergebnisse samt ihrem logischen Zusammenhang wurde er mit einer Intoleranz und Ignoranz überzogen, die buchstäblich ihresgleichen sucht!

Diese Ignoranz trägt heute den Namen: Semmelweis-Effekt (oder auch Semmelweis-Reflex). Auch heute noch versterben Patienten aufgrund unsachgerechter Handhygiene, alleine in den USA sind es jährlich 90.000 Todesfälle.

Sagen wir einmal so:
  • Wann immer neue Ideen sowie Kreativität den festgefahrenen, traditionellen Sichtweisen oder Verhaltensmustern widersprechen (die Erde ist eine Kugel)
  • Wann immer Menschen auf Innovationen so reagieren, dass sie logische Erkenntnisse und Fortschritt nicht anerkennen oder akzeptieren (wollen)
  • Wenn Menschen neue Ideen eher noch negieren und bekämpfen sowie Fakten absichtlich ignorieren (etwa, weil sie sich durch Fortschritt in ihrer Position bedroht sehen)

dann spricht man vom Semmelweis-Effekt.

Warum werden Fakten ignoriert?

Nun, es liegt wohl in unserer menschlichen Natur, auch die fundiertesten Fakten nicht ohne Widerspruch hinnehmen zu wollen. Einige Menschen verteidigen ihre Meinung, als ginge es um ihre Existenz. Dabei scheinen wir auch Wissen zu ignorieren, das doch ganz offensichtlich in der Lage ist, unser Leben zu verbessern. Vielleicht hat man auch Angst vor neuen Erkenntnissen, die das eigene Leben beeinflussen könnten?

Das derzeit aktuellste Thema ist unser Klima! Obwohl der Klimawandel bereits begonnen hat, zweifeln viele Menschen ihn vehement an. Auch gibt es immer wieder konträre Meinungen in Sachen Entstehung der Menschheit; Hier sind die Kreationisten – und dort die Darwinisten…

Ist ein Mensch erst einmal fest von seiner Meinung überzeugt, helfen manchmal auch fundierte und logische Argumente nicht weiter. Der empirische Erfahrungsschatz spielt im die Meinung mit hinein, und nur wenn neue Erkenntnisse und Fakten in das eigene Weltbild hineinpassen, ist man bereit, sich damit auch auseinanderzusetzen.

Innovationen brauchen ihre Zeit

Was hingegen nicht ins eigene Weltbild passt, wird ignoriert – und nicht zuletzt spielt auch der Faktor „Angst vor Neuem“ eine nicht zu unterschätzende Rolle. Neuerungen zwingen uns letztendlich dazu, ausgetretene (und oft auch liebgewonnene) Pfade zu verlassen, wovor viele Gewohnheitsmenschen sich scheuen. Das ist schon immer so gewesen. Am Ende gewinnt in den meisten Fällen die neue Erkenntnis, doch leider gibt es auf dem Weg dorthin auch Opfer. Wie jene Mütter, die trotz logischer Erkenntnisse aufgrund mangelnder Hygiene im Kindbett noch (sinnlos) ums Leben kamen.

Fakten werden ignoriert, weil viele Menschen sich damit sehr schwertun. Am Ende jedoch sind alle klüger (hoffentlich) und alles wird (in den meisten Fällen) gut! Bleiben wir also immer optimistisch!

Bis zum nächsten Mal, kommen Sie gut gesund und munter durch die frische Jahreszeit!

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